Vielleicht kennst du das: Du sitzt abends auf dem Sofa, der Tag ist vorbei – und plötzlich fällt es dir wie Schuppen von den Augen. Diese eine Situation heute. Dieses Gespräch. Dieser Moment, in dem jemand etwas von dir wollte, über dich hinweggegangen ist oder deine Grenze überschritten hat. Und du? Du hast nichts gesagt. Du hast es geschehen lassen. Du hast genickt, gelächelt, zugestimmt – obwohl sich alles in dir zusammengezogen hat.
Erst jetzt, im Nachhinein, wird dir klar: Da hätte ich Nein sagen sollen. Da hätte ich mich klarer positionieren müssen.
Und dann kommt es – dieses nagende, unangenehme Gefühl. Vielleicht Ärger auf dich selbst. Vielleicht Enttäuschung. Vielleicht das leise Flüstern: Warum passiert mir das immer wieder?
Wenn du das kennst, dann lass mich dir eines sagen: Du bist damit absolut nicht allein. Tatsächlich ist dieses Thema eines der häufigsten, das mir in meinen Coachings begegnet. So viele Menschen – starke, intelligente, feinfühlige Menschen – kämpfen genau damit.
Und ich möchte dir heute einen Gedanken mitgeben, der das ganze Thema Abgrenzung vielleicht komplett auf den Kopf stellt. Einen Gedanken, der dich vielleicht erst einmal irritiert. Aber bleib dran – es lohnt sich.
Überall hörst du es: Du musst dich besser abgrenzen. Lerne endlich Nein zu sagen. Zieh klare Grenzen. Das klingt so einfach, so logisch, so vernünftig. Und trotzdem schaffst du es in der konkreten Situation oft nicht. Hast du dich schon mal gefragt, warum?
Vielleicht liegt es nicht daran, dass du zu schwach bist. Vielleicht liegt es nicht daran, dass du es noch nicht richtig gelernt hast. Vielleicht liegt es ja einfach nur daran, dass das ganze Konzept einen fundamentalen Denkfehler hat.
Stell dir das mal bildlich vor. Du stehst da, mitten im Leben, mitten in Beziehungen, mitten im Austausch mit anderen Menschen – und sollst eine Grenze ziehen. Aber aus was? Aus Beton? Aus Stahl? Aus einer unsichtbaren Energiemauer? Und wie dick soll die sein? Und wo genau verläuft sie?
Die Wahrheit ist: Es geht nicht. Nicht wirklich. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund.
Wir sind alle miteinander verbunden. Auf einer energetischen Ebene gibt es keine klare Trennung zwischen dir und deinem Gegenüber. Da fliegt Energie hin und her – ständig, in jedem Moment, in jeder Begegnung. Gefühle übertragen sich. Stimmungen springen über. Du spürst, was der andere fühlt, oft bevor ein einziges Wort gesprochen wird.
Und in diesen lebendigen, fliessenden Raum hinein willst du jetzt eine starre Grenze bauen? Das ist, als würdest du versuchen, mit einer Betonmauer einen Fluss aufzuhalten. Es wird Druck erzeugt. Es erzeugt Widerstand. Es kostet dich unglaublich viel Kraft. Und am Ende bricht der Damm doch – oder du erschöpfst dich dabei.
Vielleicht hast du genau das schon erlebt. Dass du dich so angestrengt hast, dich abzugrenzen – und es hat dich mehr Energie gekostet als die eigentliche Situation. Dass du danach erschöpft warst, nicht weil die andere Person so anstrengend war, sondern weil das Aufrechterhalten der Grenze so anstrengend war.
Was, wenn ich dir sage, dass es einen anderen Weg gibt? Einen Weg, der keine Kraft kostet, sondern dir Kraft gibt ? Einen Weg, der sich nicht nach Kampf anfühlt, sondern nach Ruhe?
Hier ist er:
Sei ganz hier. Ganz bei dir. Ganz in deiner Ruhe. Ganz präsent im gegenwärtigen Moment.
Ich weiss – das klingt vielleicht erst einmal zu einfach. Zu weich. Zu wenig konkret. Aber lass mich dir erklären, was damit gemeint ist und warum es so unglaublich kraftvoll ist.
Präsenz bedeutet, dass du mit deiner gesamten Aufmerksamkeit und deiner gesamten Energie im Hier und Jetzt bist. Nicht mit den Gedanken schon bei der Antwort, die du gleich geben willst. Nicht bei der Angst, was der andere wohl denken könnte. Nicht bei der Erinnerung an die letzte Situation, in der du versagt hast.
Sondern hier. In diesem Moment. In deinem Körper. In deinem Atem. In deiner Mitte.
Stell dir vor, du füllst dich selbst vollständig aus. Jeden Winkel deines inneren Raums. Wie ein Glas, das bis zum Rand mit klarem Wasser gefüllt ist. Wenn du so voll bist – so ganz bei dir – dann kann nichts Fremdes mehr hineinlaufen. Nicht weil du einen Deckel draufgelegt hast. Sondern weil schlichtweg kein Platz mehr da ist.
Wenn du mit deiner ganzen dir zur Verfügung stehenden Energie da bist – wirklich da, im Moment – dann passiert etwas Bemerkenswertes:
Dein innerer Raum ist vollständig besetzt. Von dir. Nur von dir.
Es gibt keinen leeren Raum mehr in dir, in den jemand anderes hineindrängen könnte. Kein Vakuum, das gefüllt werden will. Keine Lücke, in die sich die Erwartungen, Wünsche oder Energien anderer Menschen ungefragt hineinsetzen können.
Und aus diesem Zustand heraus geschieht etwas Wunderbares: Du brauchst gar keine Abgrenzung mehr. Oder besser gesagt – du grenzt dich ab, aber ganz anders:
Sanfter – ohne Kampf, ohne Härte, ohne Aggression
Klarer – weil du genau spürst, was sich für dich richtig anfühlt und was nicht
Wirkungsvoller – weil echte Präsenz eine Ausstrahlung hat, die andere Menschen intuitiv respektieren
Müheloser – weil du nicht gegen etwas ankämpfen musst, sondern einfach bist
Stell dir zwei Szenarien vor:
Szenario 1 – klassisches Abgrenzen: Jemand stellt eine Forderung an dich. Du merkst, dass du eigentlich Nein sagen willst. Du sammelst all deinen Mut, spannst dich innerlich an, ziehst deine unsichtbare Mauer hoch und presst ein Nein heraus. Es kostet dich Kraft. Danach fühlst du dich vielleicht erleichtert – aber auch erschöpft. Und vielleicht hast du ein schlechtes Gewissen.
Szenario 2 – Präsenz: Jemand stellt dieselbe Forderung an dich. Aber du bist ganz bei dir. Du spürst deinen Atem. Du spürst deine Füsse auf dem Boden. Du bist ruhig, klar, wach. Aus dieser Ruhe heraus nimmst du wahr, was gerade passiert. Du spürst: Das passt nicht für mich. Und du sagst – ruhig, freundlich, aber absolut klar: Nein, das möchte ich nicht. Oder: Ich sehe das anders. Oder du sagst vielleicht gar nichts – und deine blosse Präsenz kommuniziert bereits alles.
Das Schöne an diesem zweiten Weg: Er fühlt sich nicht nur souverän an – er IST souverän. Du bist nicht in einer Abwehrhaltung. Du bist in deiner Kraft. Du bist nicht gegen den anderen – du bist bei dir. Das ist ein grundlegender Unterschied.
Und weisst du, was noch passiert? Andere Menschen spüren das. Sie spüren, wenn jemand ganz bei sich ist. Das hat eine Ausstrahlung, eine Würde, eine stille Autorität, die viel wirksamer ist als jedes laute Nein, als jede energische Grenzziehung.
Jetzt fragst du dich vielleicht: Schön und gut – aber wie schaffe ich das? Wie komme ich in diesen Zustand der Präsenz, besonders in Situationen, die mich stressen?
Das ist eine berechtigte Frage. Und die ehrliche Antwort lautet: Es ist ein Weg. Ein Prozess. Du wachst nicht morgen auf und bist plötzlich vollkommen präsent in jeder Lebenslage. Aber du kannst heute damit beginnen, diese Muskeln zu trainieren.
Hier ein paar erste Impulse:
Übe im Kleinen: Beginne in Alltagssituationen, die nicht besonders herausfordernd sind. Beim Einkaufen. Im Gespräch mit Freunden. Spüre, wie es sich anfühlt, wirklich da zu sein.
Komm in deinen Körper: Präsenz ist kein Kopfding. Sie lebt im Körper. Spüre deine Füsse, deinen Atem, die Schwere deiner Hände. Das allein holt dich schon ins Hier und Jetzt.
Beobachte ohne zu bewerten: Wenn du merkst, dass jemand in deinen Raum eindringt, beobachte das erst einmal. Ohne sofort zu reagieren. Ohne in den Kampfmodus zu gehen. Einfach wahrnehmen.
Gib dir Zeit: Du musst nicht sofort antworten. Ein Moment der Stille, ein bewusster Atemzug – das kann alles verändern.
In meinen Coachings ist genau dieses Thema immer wieder zentral – oft über eine längere Zeit hinweg. Und das ist auch gut so, denn es braucht seine Zeit, diesen neuen Zugang zu verinnerlichen. Wir sind so gewohnt, im Kampf-oder-Flucht-Modus zu reagieren, dass der Weg zur Präsenz manchmal wie eine kleine Revolution im eigenen Inneren ist.
Aber ich kann dir aus meiner Erfahrung sagen: Es funktioniert. Für die unterschiedlichsten Menschen, in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Es verändert nicht nur die Kunst, wie du mit anderen umgehst – es verändert die Kunst, wie du dich selbst erlebst.
Stell dir vor, du gehst durch deinen Alltag mit dem tiefen Wissen: Ich bin hier. Ich bin ganz da. Mein Raum ist besetzt – von mir. Wie würde sich das anfühlen? Was würde sich in deinem Leben verändern?
Wenn dich dieses Thema anspricht – wenn du spürst, dass da etwas ist, das du für dich entdecken möchtest – dann melde dich gerne bei mir.
Gemeinsam schauen wir, wo du gerade stehst, was dich daran hindert, ganz bei dir zu sein, und wie du Schritt für Schritt in deine volle Präsenz hineinwachsen kannst.
Denn du verdienst es, deinen Raum einzunehmen. Ganz. Vollständig. Und ohne dafür kämpfen zu müssen.
Ich freue mich, von dir zu hören.