Newsletter 8 vom Januar 2026
Nach dem WEF wollte ich eigentlich zuerst einen Newsletter schreiben über «Mut zur Wut». Ich wollte meine Gedanken formulieren zu der doch eher bescheidenen Reaktion unseres Bundesrates auf die unglaublichen Beleidigungen von Herrn Trump. Über Mut zur Wut und über übertriebene Diplomatie. – Doch dann kam alles ganz anders. Aber schön der Reihe nach.
Als ich neulich ins Westside fuhr, um ein paar Besorgungen zu machen, war der neue EQ-Newsletter in meinem Kopf schon ziemlich weit gediehen. Im Zentrum meiner Überlegungen stand die Frage, ob das mittlerweile berühmt gewordene Zitat von Nationalrat Cédric Wermuth («F*CK you, Mister President!») in Davos nicht doch angebrachter gewesen wäre als dieser sehr farb- und mutlose Auftritt unseres Bundesrates. Als ich mich dann vom Parkplatz vor dem Westside ins Gebäude begab, hatte ich auch einen Brief in meinen Händen, den ich beim Vorbeigehen noch kurz einwerfen wollte. Und dann nahm alles seinen Lauf. Als es bei der ersten Hausecke keinen Briefkasten hatte, dachte ich mir noch nichts dabei und spazierte einfach weiter. Nachdem ich dann aber auch beim zweiten, dritten und vierten Ort, wo ich einen Briefkasten vermutet hatte, immer noch unverrichteter Dinge da stand und mich allmählich wunderte, wo ich denn nun diesen Brief an die Schweizer Post übergeben könnte, wurde ich langsam ungeduldig. Fünf weitere Minuten später begann sich langsam ein kleiner Ärger in mir aufzubauen. «Das kann doch nicht sein. Bin ich schon so alt, dass ich vergessen habe, wo es hier einen Briefkasten hat?» ging mir durch den Kopf. Dazu noch eine Zwischenbemerkung: Meine Frau sagt mir immer, dass Männer manchmal einfach zu stolz oder zu dumm seien, um andere Menschen nach dem Weg zu fragen oder ähnliche Dinge. Ich bestreite das zwar immer – aber in diesem Moment kamen mir ihre Worte in den Sinn und ich fühlte mich ein bisschen ertappt. Und weitere gefühlte fünf Minuten später sprang ich dann tatsächlich über meinen Schatten, ging auf eine ältere Dame zu, die dort wohl auf ein Tram wartete, und fragte sie, ob sie vielleicht wüsste, wo es hier in der Gegend einen Briefkasten haben könnte. Sie schaute mich an, hielt einen Moment inne und sagte dann mit freundlicher Stimme: «Ja, ich weiss, wo es einen gibt. Er ist allerdings nicht einfach zu finden und ich zeige ihnen gerne den Weg.» Ich war einerseits froh, dass ich wohl nun bald damit rechnen konnte, meinen Brief loszuwerden. Andererseits war ich aber auch erstaunt über die Reaktion dieser freundlichen Dame. Denn wer nimmt sich sonst schon die Zeit, um jemandem den Weg nicht nur zu beschreiben, sondern ihn sogar zu begleiten bis zum Ziel. Machte ich etwa einen derart hilfsbedürftigen Eindruck? – ging mir noch kurz durch den Kopf. Doch dann entwickelte sich zwischen ihr und mir ein erfrischendes Gespräch über Gott und die Welt, während wir nebeneinander im weiteren Areal des Westsides unterwegs waren. Wir sprachen über Schicksalsschläge, über gute und weniger gute Taten und auch darüber, was man dazu beitragen kann, dass man ein gutes Leben hat und zufrieden ist mit sich und der Welt. Jeden Tag eine gute Tat – das sei schon mal ein Anfang, sagte sie zu mir und lächelte dabei verschmitzt. Bald waren wir beim Briefkasten angelangt. Ich warf den Brief ein, bedankte mich bei ihr noch einmal und verabschiedete mich dann.
Es war eine Begegnung voller Herzlichkeit – unkompliziert, einfach und zu 100% in den Alltag integriert. Nichts Besonderes eigentlich – und genau dadurch sehr besonders! Vielleicht sind es ja genau diese kleinen Dinge, welche unsere Welt ein bisschen besser machen können.