Newsletter 5 vom November 2025
Es ist mittlerweile mehr als 35 Jahre her, als ich mich, motiviert und gut gelaunt, auf den Weg machte in die Innerschweiz, wo ich als Teilnehmer im Rahmen einer mehrjährigen Coachingausbildung eine einwöchige Jahreskonferenz besuchte. Diese Woche kommt mir auch heute noch ab und zu in den Sinn, wenn ich über Coaching nachdenke.
Das Leitungsteam hatte sich grosse Mühe gegeben und die Tagung gut vorbereitet und entsprechend strukturiert. Man hatte ein wunderschönes und luxuriöses Seminarhotel mit Blick auf die Schweizer Alpen ausgewählt. Das Essen war vorzüglich und selbst das Wetter spielte mit. Also alles bestens – was konnte hier noch schief gehen? Dann kam der mit Spannung erwartete erste Seminarblock. Etwas steif, viel Theorie und wenig Lebendigkeit. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass alle einen möglichst guten Eindruck hinterlassen wollten – sowohl die (zahlenden) Teilnehmenden als auch die Mitglieder des Leitungsteams. Denn es machte den Anschein, als würden sich nicht nur die Teilnehmenden, sondern auch der Staff ein Stück weit «auf dem Prüfstand» fühlen. Es schien enorm wichtig zu sein, dass man möglichst souverän wirkte und dabei ausschliesslich intellektuell hochstehende Redebeiträge von sich gab. Kurzum: Es herrschte eine gewisse Nervosität, die man durch ein sehr kontrolliertes Verhalten mit wenig Raum für Spontaneität zu verstecken versuchte. So ging auch der erste Tag zu Ende. Nichts Berauschendes und kaum richtige Nahrung für die neugierigen Seelen, die wissen wollten, wie man denn ein guter Coach werden kann. «Vielleicht ist das ja halt immer so in der Aufwärmphase», dachte ich mir abends, um die leichte Frustration, die in mir aufkam, etwas zu relativieren.
Der zweite Tag begann dann ähnlich, wie der erste zu Ende gegangen war. Mit viel Theorie, ernsten Gesichtern und dem Eindruck, dass Coaching wohl eine sehr ernsthafte Sache sein muss, wo es wirklich nichts zu Lachen gibt. Man sprach zwar miteinander, aber doch nicht wirklich. Alles lief auf einer äusserst kopfgesteuerten und kontrollierten Ebene ab, wo kein Raum wahr für ein spontanes oder vielleicht auch einmal etwas emotionales Statement. Die Atmosphäre war angespannt und nicht nur ich empfand sie als sehr unangenehm. Als man dann dazu überging, in Übungssequenzen die Coaching-Rolle zu trainieren und danach im Rahmen von Kleingruppen das beobachtete Verhalten kritisch zu reflektieren, wurde es noch schlimmer. Denn jetzt wollte sich erst recht niemand mehr irgendeine Blösse geben. Alles lief in perfekt kontrolliertem Rahmen ab. Ob wir dort allerdings allzu viel gelernt haben, wage ich heute zu bezweifeln. Ausser vielleicht die Kunst, «bei sich selbst zu bleiben» und sich von dieser übertrieben strengen und kontrollierten, ziemlich wachstumsfeindlichen Atmosphäre nicht zu sehr anstecken zu lassen.
Als es dann auch am dritten und vierten Tag keine wirkliche Verbesserung gab, begann ich allmählich zu resignieren. Es gelang mir nicht, dieser spannungsgeladenen Stimmung irgendetwas Positives entgegenzusetzen. Der offensichtliche Mangel an psychologischer Sicherheit führte dazu, dass sich alle in ihrem Schneckenhaus verkrochen und möglichst keine Fehler machen wollten. Man sprach zwar auf einer intellektuellen Ebene über offene Kommunikation und Authentizität, strahlte dabei aber genau das Gegenteil aus.
Und nun kommen wir endlich zum erfreulichen Teil dieser Geschichte – und zwar zum Abschlussabend - zur ultimativen Disco!
Mit einer gewissen Hartnäckigkeit und einigem Improvisationstalent habe ich damals zusammen mit zwei weiteren Teilnehmenden eine Abschluss-Disco im grossen Sitzungsraum dieses Hotels organisiert. Der Start war – wen wundert’s – noch etwas verhalten. Doch schon bald wurde die Atmosphäre spürbar lockerer – und dies nach 5 Tagen extremer Steifheit. Allmählich begannen die Teilnehmenden – sowohl Ausbildungsteilnehmende als auch Mitglieder des Staffs – echte Freude zu bekommen an der Musik und am Tanzen. Die Gesichter begannen sich zu entspannen, die Körperbewegungen wurden lockerer und das Lächeln authentischer. Man musste auf einmal nicht mehr «gut» oder «gescheit» wirken. Man konnte einfach so sein, wie man sich gerade fühlte, Die Grenzen begannen sich zu verwischen. Und je länger der Abend dauerte, desto mehr Freude und Lebensenergie kam auf. Man spürte förmlich die Energie, die Kreativität und das Potenzial, das in vielen schlummerte und das in den vergangenen Tagen nie auch nur ansatzweise zum Vorschein gekommen war.
Als ich dann – während einer persönlichen Tanzpause – das Geschehen so am Rande mitverfolgte, da hatte ich das Gefühl, dass hier «neue Menschen in einem völlig neuen Umfeld» zusammen waren und sich am Leben freuten. Da bemerkte ich zum ersten Mal, dass sich in dieser Gruppe auch Leute befanden, zu denen man durchaus einmal in ein Coaching gehen könnte. Auf diese Idee wäre ich an den vorherigen Tagen jedenfalls nicht gekommen. Da war ich eher im Fluchtmodus.
Getanzt wurde dann noch fast bis zum Morgengrauen. Irgendwo musste die aufgestaute Energie ja hin. Am nächsten Tag hiess es dann Abschied nehmen und ich war wohl nicht der Einzige, der dann doch noch mit einem guten Gefühl wieder nach Hause gefahren ist.
Immer dann, wenn mir diese Geschichte zuweilen in den Sinn kommt, macht sich bei mir folgender Gedanke breit: Was wäre wohl gewesen, wenn man die Abschlussdisco zum Hauptprogrammpunkt dieser Jahreskonferenz erklärt hätte – mit dem Ziel, einen noch besseren Zugang zu seinen eigenen Ressourcen und zu seinem eigenen kreativen Potenzial zu finden. Die Theorieblöcke hätten dann die Bedeutung eines zusätzlichen und ergänzenden Angebots gehabt – gedacht für Situationen, in denen es durchaus Sinn macht, den menschlichen Verstand als wichtiges Hilfsmittel gezielt einzusetzen. Ich bin fast sicher, dass dies allen Beteiligten mehr gebracht hätte. Ich hoffe, man hat in diesen Coachingausbildungen mittlerweile dazu gelernt und realisiert, wie enorm wichtig es ist, nicht alle Themen und Probleme allein mit dem Kopf angehen und lösen zu wollen.
Und was sind deine Erfahrungen? Was denkst du darüber?