Newsletter 3 vom August 2025
Der gestrige Bund-Artikel „It’s a personality problem: Trump’s Ärger über Keller-Sutter war grösser als bekannt“ bringt die Grundfrage im Umgang mit Donald Trump auf den Punkt: Wie geht man sinnvoll mit pathologischen Narzissten um, besonders wenn man bei ihnen etwas erreichen will? Der Text erinnert daran, dass in entsprechenden Handlungssituationen nicht in erster Linie der qualifizierte Sachverstand gefragt ist (z. B. in Form von ökonomischen und politischen Analysen), sondern vielmehr die geeignete Form des Umgangs mit einer Person, die sich stark durch übersteigertes Selbstwertgefühl und das Bedürfnis nach dauerhafter Bewunderung definiert.
Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie eine geeignete Umgangsform mit einem pathologischen Narzissten aussehen könnte, sollte man sich zunächst in aller Ruhe vergegenwärtigen, was denn eine solche Person für Eigenschaften mitbringt.
Hier nur ganz kurz:
Übertriebenes, künstliches Selbstwertgefühl: Solche Menschen halten sich für absolut einzigartig und aussergewöhnlich.
Grosses Bedürfnis nach Bewunderung: Sie fordern konstant Lob und Anerkennung, um ihr künstliches Selbstwertgefühl zu stützen und aufrechterhalten zu können.
Mangel an Empathie und Tendenz zu egozentrischem Verhalten.
Neigen zu Manipulation und Ausbeutung, um ihre persönlichen Ziele zu erreichen.
Extreme Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Ablehnung, weil dadurch ihr wenig stabiles Selbstwertgefühl in Frage gestellt wird.
In sozialen Beziehungen neigen sie in hohem Masse dazu, eine andere Person entweder zu idealisieren oder stark abzuwerten – je nachdem, ob die betreffende Person ihre eigenen narzisstischen Bedürfnisse befriedigt oder nicht.
Man muss wahrlich keine psychologische Fachperson sein, um die meisten oben beschriebenen Muster auch bei Donald Trump erkennen zu können. Trotzdem ist es leider so, dass die Fachleute – vor allem also Psychiater und Psychotherapeuten – zu dieser Frage schweigen, obwohl sie es eigentlich genau wissen. Das hat wohl zwei Gründe: Erstens gibt es so etwas wie einen fachlichen Kodex, der besagt, dass Ferndiagnosen grundsätzlich nicht statthaft sind. Zum Schutze des Klienten ist diese Haltung sicher in den meisten Fällen richtig und nachvollziehbar. Ob dies bei Donald Trump allerdings – in Anbetracht des grossen Schadens, den er jeden Tag anrichtet – auch angebracht ist, würde ich mal bezweifeln. Dazu kommt ein zweiter Grund: Mittlerweile ist Donald Trump derart mächtig, dass sich nicht mehr viele Menschen mit ihm anlegen wollen, weil sie befürchten, sonst beträchtliche Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.
Seien wir ehrlich: Wenn man sich die typischen Eigenschaften von pathologischen Narzissten vor Augen führt, dann möchte man eigentlich lieber nichts mit solchen Menschen zu tun haben. Also am besten einen grossen Bogen machen. – Was aber, wenn das nicht geht? Was hätte unsere Bundespräsidentin Frau Keller-Sutter tun können?
Natürlich ist es immer einfacher, im nachhinein einen gescheiten Kommentar dazu abzugeben. Und ich persönlich habe sie in dem Moment, in welchem sie ihm telefoniert hat, nicht um ihre Rolle benieden. Gleichwohl lohnt es sich, in Ruhe darüber nachzudenken, ob es allenfalls einen besseren Weg gegeben hätte. So wird im oben erwähnten Zeitungsartikel etwa darauf hingewiesen, dass sich Herr Trump offensichtlich angegriffen gefühlt hat durch die Art und Weise, wie Frau Keller-Sutter ihn über relevante ökonomische Sachverhalte informierte. Ich zweifle überhaupt nicht daran, dass Frau Keller-Sutter objektiv die Wahrheit gesagt hat und dass eine gewisse Korrektur der von Herrn Trump kommunizierten Sachverhalte unter normalen Umständen mehr als angebracht gewesen wäre. Doch bei einem pathologischen Narzissten hat diese Taktik offensichtlich nicht zum erwünschten Erfolg geführt, sonst hätten wir heute nicht diese 39% Strafzoll. Aber was hätte sie anderes machen können? Vielleicht das Hauptziel des Telefonats von Beginn weg anders setzen? Also nicht den Deal ins Zentrum stellen, sondern das Hauptziel darin sehen, dass sich Herr Trump über das erhaltende Kompliment für seine schöne rote Krawatte richtig freut. Und als absolut zu vermeidenden Punkt die Berücksichtigung der Gefahr ins Zentrum stellen, dass sich Herr Trump durch irgendeine Bemerkung angegriffen fühlen könnte. Ich bin mir völlig bewusst, dass solche Punkte absurd klingen in Anbetracht der doch ziemlich wichtigen Sachgeschäfte mit weitreichenden Folgen, um die es hier geht. Aber ist nicht die Situation an sich schon völlig absurd? Also die Tatsache, dass eine psychisch kranke Person momentan die Weltgeschichte sehr stark beeinflussen kann und dies auch tut?
Nun will ich zum Abschluss ein Thema anschneiden, zu dem die meisten von euch einen noch direkteren Bezug haben – nämlich zum Umgang mit den «kleinen Trumps» in den Teppichetagen von einigen Konzerne und öffentlichen Verwaltungen. Denn die sind dort gar nicht so selten anzutreffen. Zugegeben, meistens zeigen sie sich nicht in derart krasser Form – und sie haben auch nicht die gleiche Macht wie dies der amerikanische Präsident hat. Trotzdem können auch sie viel Schaden anrichten, wenn sie erst einmal eine entsprechend hohe hierarchische Position in einer Organisation erreicht haben. Und das Dumme an der Sache ist, dass narzisstische Menschen häufig ein sehr feines Gespür für Macht haben und dass sie oft ein besonderes Talent dazu entwickelt haben, andere Menschen in ihrem Umfeld zu blenden. Dadurch sind sie auch in der Lage, rascher als andere die Karriereleiter emporzusteigen.
Was also ist hier gefragt?
Zunächst einmal das Offensichtliche:
Sich nicht blenden und sich nicht einschüchtern lassen.
Zu seiner eigenen Meinung stehen.
Den Mut zur Konfrontation haben (denn Narzissten profitieren häufig auch von einer gewissen Bequemlichkeit und Konfliktscheue ihres unmittelbaren sozialen Umfeldes).
Wenn dann ein pathologischer Narzisst erst einmal ganz oben angekommen ist, dann wird es schwieriger. Mögliche Strategien können dann sein:
Sich der schmerzlichen Tatsache erst einmal bewusst werden, dass Einfluss, Machtzentrum und Anhängerschaft die realistischen Handlungsoptionen von vornherein limitieren.
Es geht dann eher darum, den Fokus auf Schutz, Realismus und Zweckmässigkeit zu legen.
Sich zum Beispiel die Frage stellen, was man tatsächlich erreichen will.
Grenzen respektieren: Verzicht auf persönliche Angriffe, Fokus auf sachliche Argumente ohne zu stark zu konfrontieren.
Nie belehrend wirken.
Selbstschutz priorisieren: Reduzierte Konfrontation in Verbindung mit dokumentierten Vereinbarungen. Dazu klare Kommunikationswege definieren.
Bewusstsein statt Hoffnung: Verständnis für Muster entwickeln; sich weniger auf die Erwartung von Veränderung konzentrieren.
Andere Optionen prüfen: Bündnisse, externe Druckmittel, institutionelle Lösungen statt Einzelverhandlungen.
Was sind eure Erfahrungen damit? Wie kann man kleine Trumps bändigen und welche Strategie sollte die Schweiz nun verfolgen, um ihre Lage etwas zu verbessern?
Mit liebem Gruss
Bob